Nikolai Vogel / nachwort.de

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Juli 2004


Samstag, 31. Juli 2004

aufstehen, samstags

Um zwei Uhr mittags Kaffee und Frühstück. Herrlichkeit des langen Schlafs. Im Radio die selbe Seiherdrecksmusik wie alle Tage, aber in der "Früh" lasse ich mich ganz gerne mal bedudeln, kann ja nicht immer nur das wahrnehmen, was begeistert. Die Begeisterung ist ein empfindliches Tier und ihre Wachzeiten sind kurz. "Wann stehen Sie eigentlich auf", frägt die SZ seit einigen Wochen Schriftsteller, und diese mühen sich mit Antwortoriginalitäten - in vielen kommt der "Schreibtisch" vor und wirkt wie ein Oberfeldwebel, der den Spaß am Leben nimmt. "Warum stehen Sie eigentlich auf?" fände ich die interessantere Frage - zu hören wäre aber auch dann das obligatorische "weil ich nun mal schreiben muss". All die Künstler im Korsett.
Die, die ohne schreiben nicht leben können, und die, die ohne schreiben leben können, und die, die mit und ohne schreiben leben können ...
Vor dem Balkon türmen sich die Wolken auf am frühschwülen Tag. Wie Katzen in Verteidigungsstellung vor dem Sprung.

NV am 31.07.2004 um 23:51 »


Montag, 19. Juli 2004

Tangram

ep7 und über die letzten Tage. Vor mir eine Flasche Brauneberger Juffer-Sonnenuhr, der steile Hang, Spätlese trocken 2001 von Fritz Haag. Gewitteraufnahme. Ferne Kirchenglocken, das Singen der Vögel, Baumwind, Tropfengetrommle auf dem Plastikdach unten im Hof. Die kurze Rezension über den digitalen Grimm noch nicht gedruckt. Silkes Bilder in der Klasse Förg. Playmobil, ein weißer Handschuh. Traumnovelle. Überschriften "aus unfertigen Notizen" und "Bezüge". Freunde im Baader, nicht im Flaucher Biergarten. Es regnet noch immer. Regenaufnahme. Gewitteraufnahme. Gleichzeitigkeit. Tellkamps Uhren. Der Plastikschmetterling auf dem Draht in unserer Gewürzkeramik auf dem engen Balkon. Bröckelnder Putz. Der vollgestellte Küchentisch, Kaffee, Zeitungen, das Hermanns-Spiel, Sonnenmilch, das Rieslingsglas, der alte Teller aus dem Melita-Service mit den blauen Blumen, die Reste von Sonnenblumenkernen darauf und ein Messer, das in der Geschirrspülmaschine Flugrost ansetzt. Das über dem Schreiben im Ofen vergessene Baguette und der Qualm. Fallende Schleier des Regens, der Himmel wird heller, angestrahlt von der untergehenden Sonne. Das Brot ist heiß und zu trocken, der Vian aufgeschlagen auf dem Tisch, ja, zum ersten Mal "Der Schaum der Tage", erst fand ich es zu maniriert, jetzt macht es mir Spaß, verspielte Leichtigkeit, manhandling the deity, und neue Seiten für Mond0 Buch I Pleasure Dome werden fällig, die nächste Woche voll, München leuchtete, nackt tanzen, im Meer treiben Quallen. Gestern ins Notizbuch, heute ins Netz.

NV am 19.07.2004 um 22:33 »


Va Bene?

Vergangenen Mittwoch in einem kleineren Raum der Muffathalle, auf den luftpolsternen Sesseln der Wortspiele. "MediaDemocracy and Telestreet", Videos zu den "Va Bene"-Italien-Tagen. Ein Superheld namens Supervideo. Von Candida TV über den G8-Gipfel in Genua. [weiter]

NV am 19.07.2004 um 22:32 »


Sonntag, 18. Juli 2004

Ganz kurz zu viel Kunst

Am Freitag auf Akademieausstellung und Akademiefest in der Dachauerstraße, am Samstag auf Akademieausstellung in der Akademiestraße und Domagktageausstellung in der Domagkstraße. Stockwerke mit Bildern, Bildschirmen und übertragenen Dingen. Gärten mit Radio. Offener Himmel zu Mittag, nachfolgendes Gewitter am Nachmittag. Zurückbleiben durchsichtigerer Wolken am Abend und nachts, während der eigenartigen Lesung in Haus 45. Ein Gebrauchstexte sammelnder Autor als Modejournalist im Genderinterview mit einem Schottenrockträger, ein Vertreter am Mikrophon mit Meinungen zur Wirtschaft, ein sich schnell entfernender Rücken eines beleidigten Dichters. Aufmerksamkeiten und Unaufmerksamkeit. Zarte Pflanzen. Nehmen die Eindrücke überhand? Sonntags mit "Der Schaum der Tage" auf dem warmen Balkon.

NV am 18.07.2004 um 18:43 »


Lyrik noch im Keller

Anfang der Woche im Lyrik-Kabinett. Noch mal in den Keller, bevor die Bibliothek umzieht. John F. Deane und Michael Hofmann lasen. Assistiert und eingeführt von Frieder von Ammon und Michael Basse. [weiter]

NV am 18.07.2004 um 18:41 »


Donnerstag, 15. Juli 2004

Geometriegetreide

Vor einigen Wochen fragte mich Kilian: "Was ist eigentlich aus den Kornkreisen geworden?" Ein Satz, der bei Andreas Neumeister stehen könnte. Ich hatte 1990 das Buch von Zweitausendeins bekommen, "Kreisrunde Zeichen", als Interesse und Faszination allerorts hoch waren. Im Dogma Film "Mifune" tauchten sie noch mal auf. Ich antwortete, ich wisse es nicht. An die damals in England verlautbarte Erklärung, zwei Rentner hätten all die Kreise angefertigt, nach der es dann in den Medien still wurde um das Thema, glaubte ich nicht so recht, das klang irgendwie nach künstlicher Beruhigung. Was dann? Vielleicht Getreidefeldungehorsam, Strahlungsphänomene, gar eine Düngemittelnebenwirkung, woher soll ich das denn wissen? Möge es Menschenwerk sein, so ist es zumindest oft großartige Land Art. Die Schöpfer bräuchten sich dann aber nicht verstecken, könnten sie doch längst gefeierte Künstler sein. [weiter]

NV am 15.07.2004 um 22:50 »


Sonntag, 11. Juli 2004

Wassertürme, Variationen, Lieblingsbücher, Schönste Wörter

Gestern in die schon seit einem Monat hängende Bernd & Hilla Becher-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Typologien, die Mehrzahl gereiht in fünf mal drei Bilder. Fördertürme, Gasbehälter, Hochöfen, Getreidesilos. Die Industriebauten, nicht die Fachwerkhäuser der Dokumenta 11. Alles auf diesen Fotografien ist sauber. Es gibt keinen Schmutz, keinen Müll, zumindest erscheint er nicht als solcher. Und es gibt keine Menschen, kaum Tiere, wenn mal auf dem Dach eines Gebäudes ein paar entfernte Vögel sitzen, wirkt es wie ein Versehen, alles ist verlassen, die Faszination entsteht in der Retrospektive, im Eindruck des Verschwindens. [weiter]

NV am 11.07.2004 um 19:29 »


Freitag, 9. Juli 2004

Hexameter-TÜV

Letzte Woche Mittwoch frühabends vom Nockherberg-Biergarten, der - bis auf die Kastanien - seit dem Neubau etwas an eine italienische Touristenfreizeitanlage erinnert, direkt zur Monacensia. Eine kurze Lesung von Armin Kratzert, gitarrenbegleitet, aus seinem Playboy. Jochen Jung leitete angenehm ein, nahm die Kürze vorweg. Später auf der Terrasse, mit Frau Tworek über die Geschichte des Hauses gesprochen, vergrabene Koffer, angetretenes Erbe.

Dienstags Empfang des Kulturreferats für Uwe Tellkamp im Literaturhaus. Aus Der Schlaf in den Uhren, leiser als in Klagenfurt und sich durchsetzend trotz der schwierigen Akustik des Galerie-Raumes, nicht für das Mikrophon und Lesefrüchte gebaut, sondern Ort des Marktes und der lautstimmigen Marketender, für Früchte prosaischer Natur, freilich auch mit Geschmack. Unterhaltungen bis zur letzten U-Bahn. Schöne Nacht.

Vorgestern Season II mit Ulrich Holbein, der erst ein wenig beleidigt war, weil ich ihm meinen Rasierer nicht geliehen habe. Ist aber trotzdem noch ein schöner Abend geworden, und als Ulrich Holbein zu lesen aufhörte, trug Cramer aus Holbein weiter vor, denn die Herkulesstaude, auf die der Autor erst neugierig machte und sie dann nicht lesen wollte, interessierte brennend. Später in der Gaststätte prüfte Holbein Hexameter aus Cramers Fructode. Geprüft und für gut gefunden. Hexameter-TÜV.

NV am 09.07.2004 um 00:28 »


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